Thüringer Allgemeine vom 02. April 2026 (Wolfgang Hirsch)
In ihre fünfte Saison gehen jetzt die Thüringer Schlosskonzerte. Der Geist des Ortes swingt an den noblen Locations stets mit.
Thüringens Residenzen zum Klingen, zum Swingen bringen: Das haben Claudia Schwarze-Nolte und ein tapferes Häuflein Getreuer sich anno 2022 vorgenommen. An diesem Ostersonntag (5. April) nun starten die „Thüringer Schlosskonzerte“ mit insgesamt 19 Veranstaltungen in ihre nunmehr fünfte Saison, und Schwarze-Nolte staunt selber ein bisschen über die Resonanz: „Es findet sehr, sehr großen Anklang“, sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung.
Das Auftaktkonzert mit dem erweiterten Gothaer Spohr-Quartett auf Schloss Burgk ist schon ausverkauft. Kein Wunder: Auf dem Programm stehen Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, flankiert von Astor Piazzollas tangoseligen „Estaciones porteñas“. Auch fürs zweite Konzert auf Hummelshain (Saale-Holzlandkreis) am 9. Mai mit dem Tango-Duo Amoratado gibt’s keine Tickets mehr.
Beide Spielorte hat Schwarze-Nolte erstmals in ihrem imaginären Portfolio, und schon das reizt viele Besucher. Denn Hummelshain, ehemals Jagdschloss des Altenburger Herzogs, befindet sich heute in Privatbesitz und ist nur bei seltenen Anlässen zugänglich. Dabei wird freilich im Unterschied zu feudaler Zeit auf höfische Etikette und piekfeinen Dresscode verzichtet. Der Genius loci aber, die historische Aura der jeweiligen Location, gehört wesentlich zur Attraktion der Konzertreihe.
Schauplätze der Geschichte werden revitalisiert
So mag, wer möchte, die hiesige Residenzenlandschaft – mit der höchsten Schlösserdichte in Mitteleuropa – auf der Lockroute der Schlosskonzerte genüsslich erkunden. Schwarze-Nolte weiß nur zu gut, wie stolz viele Thüringer auf diese einst herrschaftlichen, aber doch im Wesentlichen von hiesigen Baumeistern und Handwerkern errichteten Immobilien sind. Rund 50 Haupt- und Nebenresidenzen sowie weitere 100 Anwesen – Herrenhäuser, Landsitze, Rittergüter – zieht sie als Spielorte in Betracht.
Netzwerk von Schlossherren bildet das Fundament
Längst hat die ausgebildete Cellistin Netzwerke geknüpft und weiß einerseits die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten sowie eine wachsende Zahl privater Schlossherren auf ihrer Seite; andererseits spielen viele einheimische Musiker und Ensembles bei der Schlosskonzert-Initiative gern mit. Somit machen die Exklusivität der Spielorte, die Erwartung gutklassiger Hörerlebnisse in zwanglosem Rahmen sowie moderate Eintrittspreise bis 28 Euro ihr Erfolgsrezept aus.
Prominenz stellt sich ein mit dem Vogler-Quartett, das am 3. Juli auf der Ettersburg bei Weimar, dem Musenhof Herzogin Anna Amalias, aufspielt und dort, unweit der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, die Ambivalenz von Hochkultur und menschenverachtender Barbarei in Erinnerung ruft. Haydns „Vogelquartett“ und Schuberts C-Dur-Quintett als Eckpfeiler der Wiener Klassik umrahmen das 2. Quartett Erich Wolfgang Korngolds, mit dem der jüdische Komponist 1933 Abschied von Europa nahm.
Zumindest erinnerungspolitisch korrespondiert dieser Abend mit dem Konzert des Rudi-Quintetts am 19. September auf Schloss Schwarzburg, obschon die fünf Bläser, allesamt Thüringer Symphoniker aus Saalfeld-Rudolstadt, in exotische Klangsphären nach Kuba entführen. Doch wird es dank erfreulicher Fortschritte bei der Sanierung das erste Konzert am ehemaligen Stammsitz der Schwarzburger Regentenfamilie seit Jahrzehnten sein: Die Burg wurde von den Nazis, die sie zum NS-Reichsgästehaus umbauen wollten, weitgehend ruiniert.
Thüringer Künstler treten zum Heimspiel an
Namhaft sind ebenfalls die aus Erfurt gebürtige Pianistin Katharina Treutler, inzwischen Professorin in Wien, die am 10. Oktober in den Blauen Saal auf Schloss Sondershausen Noten von Beethoven, Haydn und Schumann mitbringt, sowie das Jazz-Quartett um die Prager Trompeter-Koryphäe Laco Deczi am 25. Mai auf der Johanniterburg Kühndorf. Hohes Ansehen über die Landesgrenzen hinweg genießen hiesige Originalklangspezialisten wie die Capella Jenensis – am 24. Mai zum „Heimspiel“ in Dornburg – und das Bach-versessene Cambalo-Duo Aleksandra und Alexander Grychtolik – am 28. August im Sommerpalais Greiz zu Gast.
Auf ein heutzutage ungewohntes Metier versteht der preisgekrönte Weimarer Stummfilmpianist Robert Siedhoff sich und bringt die alten Bilder zum Laufen und per pointierter Live-Begleitung am Klavier sogar zum Klingen, wie‘s vor gut 100 Jahren Brauch war. Kintopp für Kenner liefert Siedhoff mit dem „Phantom der Oper“ (1925) auf der Veste Heldburg am 23. Mai ab sowie mit Stan Laurel und Oliver Hardy auf Schloss Hue de Grais Wolkramshausen am 26. September.
So spannt sich ein bunt gefächerter Reigen mit Klassik und Jazz bis in den Dezember. Eine frühzeitige Ticketreservierung ist zu empfehlen.